Milliarden – Betrüger

Auf den ersten Knall folgt gerne einmal der zweite und lautere. Zumindest ist das bei dem Berliner Duo Milliarden der Fall. Der erste Knall war in diesem Fall die Wahl ihres ersten veröffentlichten Songs Freiheit is ne Hure zum Titeltrack von Oskar Roehlers deutschem Indiemeisterwerk “Tod den Hippies!! Es lebe der Punk”, das mit Tom Schilling und Wilson Gonzalez Ochsenknecht in den Hauptrollen ein großartiges Porträt der deutschen Großstadtpunks der 80er-Jahre zeichnet.

Offizielles Musikvideo mit einigen Szenen des Films

Der zweite Knall folgt für Ben Hartmann (Gesang/Gitarre) und Johannes Aue (Keys/Percussion/Background Gesang) genau jetzt. Das erste eigene Album, herausgebracht bei niemand geringerem als Universal Music. Betrüger heißt das Werk und knüpft genau da an, wo die vorhergegangene EP Kokain und Himbeereis aufgehört hat. Sämtliche Songs der EP finden sich übrigens auch auf dem Album wieder.

Die Texte der zweiköpfigen Band rangieren dabei in einer selten schönen Ambivalenz zwischen Kreationismus und Zerstörungswut. Liebe, Hass, Emotion, Freiheit und Leben: Auf Betrüger ist so gut wie jeder Herausforderung einer Lebenszeit mindestens eine Zeile gewidmet. Nach 14 kraftvollen und mitreißenden Tracks bleibt eigentlich nicht viel mehr übrig als das Album (wahlweise CD, digital oder Vinyl) noch einmal aufzulegen, um die komplette Tragweite des ausufernden Vokabulars eines Ben Hartmanns in seiner Gänze zu erfassen. Das beste Beispiel hierfür ist wohl ,,Blitzkrieg Ballkleid”. Der Song wurde vorab auch bereits inklusive Musikvideo als Single veröffentlicht und lädt ein, in eine abstruse Welt irgendwo zwischen Berghain und Riefenstahl. Dazu eine markante Stimme, kraftvoller Gesang und angenehm rumpelige Riffs.

Während ,,Blitzkrieg Ballkleid” genau wie auch ,,Milliardär”, ,,Oh Chérie” und teilweise auch ,,Die Angst” mit ungebändigter und lauter Charakteristik daherkommen, schlagen Titel wie ,,Schall & Rauch”, ,,Friedrichsdorf” oder ,,Bleib Hier” ruhigere Töne an. Ohne auf ihre charakteristische Linie aus Gitarre und Keyboard zu verzichten, breiten Ben und Johannes hier einen musikalisch-emotionalen Teppich aus, der in der deutschen Alternative- und Rockszene wohl aktuell seinesgleichen sucht.

Titelsong des Albums ist der gleichnamige Track Betrüger“. Mit feiner Akustikgitarre im Intro und ruhiger, weniger gekratzter Stimme trägt dieser Song eine starke Ehrlichkeit in sich. Es fällt nach dem Hören nicht schwer Ben abzukaufen, dass er “die Welt betrügt und die tollsten Geschichten schreibt”, wie er singt. Dieser tragenden Ehrlichkeit ist es wohl auch zu verdanken, dass “Betrüger” ebenfalls zum Titel des ganzen Albums wurde. Lang ist der Song nicht, aber dafür definitiv der stärkste der ganzen Platte.

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Ben Hartmann & Johannes Aue: MILLIARDEN – Foto: Peter Kaaden

Viele bisher noch nicht benannte Tracks wie ,,Im Bett Verhungern”, ,,Marie” , ,,Zucker”, ,,Ende Neu” und ,,Katy Perry” entziehen sich zusätzlich einer Einordnung in lautere und ruhigere Schemen. Hier schafft es das Duo eine derart starke Ambivalenz an den Tag zu legen, dass das Hören ihrer Musik fast schon zum Erlebnis für sich avanciert. Immer irgendwo zwischen Herzblut, Gesellschaftskritik und Liebeserklärung an das Leben rangiert gut ein Drittel des Albums. Eine besondere Erwähnung gilt allerdings noch ,,Katy Perry”, da der Track mit seinen Anspielungen und teilweise fast schon gecoverten Melodien eine äußerst unterhaltsame Hommage an die gleichnamige Sängerin darstellt. Selbst der Refrain fällt ungewohnt poppig aus, was das Lied dermaßen aus dem Fluss der Platte katapultiert, dass es schon wieder wunderbar schräg ist.

Mit ihrem Erstlingswerk Betrüger legen Milliarden also eine wahnsinnig abwechslungsreiche Platte vor, an der Fans deutscher Musik mit tiefgehenden, emotionalen Texten so gut wie nicht vorbei kommen. Die Abwechslung zwischen tiefer Nachdenklichkeit und lauteren Tracks gelingt dem Berliner Duo bisher unerreicht gut.
Persönliche Hörtipps: ,,Katy Perry”, ,,Freiheit is ne Hure”, ,,Betrüger” und ,,Milliardär”.


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Christian Greiner

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Christian Greiner

Paar-und-zwanzig. Immer irgendwo zwischen Alternative, Indie, Future Bass und Hip Hop unterwegs. Vorzugsweise deutschsprachig. Ich grüße meine Oma!

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