Die Geschichte eines Songs: Car Wash

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Die Geschichte des Songs Car Wash beginnt, für die meisten Nicht-Film-Connaisseure vermutlich überraschend, nicht mit Christina Aguilera und Missy Elliott im Jahr 2004, sondern schon im Jahr 1976. Damals nahm sich der Regisseur Michael Schultz vor, Car Wash, das ursprünglich als Musical konzipiert worden war, als Filmkomödie umzusetzen. Anscheinend war ihm bewusst, dass die Stärken des Stoffs nicht unbedingt in seiner dramaturgischen Qualität lagen (wie auch die späteren Filmbewertungen zeigten) und dass es daher empfehlenswert sein könnte, den Musicalcharakter zumindest teilweise zu erhalten. So kontaktierte Schultz einen der erfolgreichsten Musikproduzenten der Zeit, Norman Whitfield, mit dem Auftrag, den Soundtrack für den Film zu entwerfen. Dieser sah darin die Chance der ursprünglich unter dem Namen Total Concept Unlimited bekannten Band zum Durchbruch zu verhelfen. Natürlich geschah das nicht ganz uneigennützig, stand die Gruppe doch bei Whitfields Label unter Vertrag und war bisher nur mäßig erfolgreich gewesen.

Der Soundtrack zum Film Car Wash unterschied sich dadurch von den meisten anderen Soundtracks, dass er vor den eigentlichen Filmaufnahmen aufgenommen werden sollte und somit als Orientierung für diese fungieren konnte, der Film also mehr oder weniger um den Soundtrack ‚gebaut‘ werden sollte. Da erwies es sich als ärgerlich, dass Whitfield ausgerechnet jetzt keine zündende Idee für den Titelsong, der ebenso wie der Film den Titel Car Wash tragen sollte, kam. Der Legende nach sprang der Funke dann während eines Baseballspiels über, sodass Whitfield den ersten Entwurf des Titelsongs hastig auf einer Papiertüte eines Fastfood-Restaurants niederschrieb.

Die ursprüngliche Version von Car Wash

Die ursprüngliche oder ‚Originalversion‘ von Car Wash orientierte sich textuell am Film, der die Strapazen, aber auch die schönen Seiten des Lebens rund um eine von Minderheiten in mühevoller Handarbeit betriebene Autowäscherei („We give best hand jobs in town“) schildert. Auffälliger als der Text ist jedoch die musikalische Gestaltung: Heutzutage für einen Popsong fast undenkbar ist das Intro, das mit einer Länge von etwa einer Minute fast ein Drittel der Singleversion des Songs ausmacht. Schritt für Schritt werden die Elemente des Songs aufeinander aufgebaut: die Einführung in den Rhythmus gibt das zunächst allein erklingende Klatschen, das dann um den Bass und die Basedrum erweitert wird. Nach und nach kommen auch Gitarre sowie die vollständigen Drums hinzu und werden durch ein Bassriff vom Piano ergänzt. Dann erst, nach fast einer Minute, ertönt die für den Song charakteristische Begleitung durch Streichinstrumente und, das wohl markanteste Markenzeichen von Car Wash, das Hauptriff der Gitarre mit dem eingängigen Slide-Sound. Zusammen mit dem Gesang Gwen Dickeys ergibt sich so der typische Disco-Funk-Klang, der auch für den Film tonangebend ist.

 

 

Hoch gepokert und gewonnen

Zur Frontsängerin der Band, der Whitfield durch das Filmengagement den Durchbruch bescheren wollte, war erst seit Kurzem Gwen Dickey gemacht worden. Whitfield, der als genauso genial wie pedantisch und stur bekannt war, nötigte Dickey quasi dazu, den Künstlernamen Rose Norwalt anzunehmen. Die Band setzte mehr oder weniger alles auf eine Karte: In Anlehnung an den Künstlernamen ihrer neuen Frontfrau wurde der Name der Band in Rose Royce geändert, wodurch auch begrifflich Bezug zum Car Wash-Soundtrack hergestellt wurde. Die Veröffentlichung des bereits aufgenommenen Albums In Full Bloom wurde zurückgestellt, nun hing alles vom Erfolg des Filmsoundtracks ab.
Wie sich ‚Rose‘ Dickey später erinnerte, offenbarte sich schon bei der Premiere des Films, dass sich das Risiko gelohnt hatte: Als die Musik begann (der Titelsong Car Wash ist das erste Lied, das nicht nur als Hintergrundmusik fungiert), fingen die Zuschauer im Kino an zu tanzen und konnten nur mit Mühe von den Produzenten und vom Regisseur Schultz dazu bewegt werden, dem Film wieder zu folgen. Als dies geschah, versicherte Whitfield der Sängerin, dass sie mit Sicherheit berühmt werden würde. Der Soundtrack war auch weiterhin erfolgreicher als der Film selbst, die Single Car Wash stand fast ein halbes Jahr lang auf Platz 1 der US-Charts, das Soundtrack-Album erlangte Platinstatus und Whitfields Prognose bewahrheitete sich.

Großes Vorbild – Kleine Nachfolge

Neben zahlreichen anderen Coverversionen entstand im nächsten Jahrtausend, wieder für einen Film, die Version, die besonderes die jüngeren Generationen wohl mit Car Wash verbinden. Der Film Große Haie – Kleine Fische aus dem Jahr 2004 zitiert zahlreiche andere Filme. Darunter ist auch der Film Car Wash und vor allem der gleichnamige Song. Zu den Modernisierungen, die am musikalischen Material vorgenommen wurden, zählen nicht nur der Rap-Part Missy Elliotts, sondern auch die für Christina Aguileras Bedürfnisse veränderte Tonart und das nun synthesizer-basierte Erkennungsriff. Große Haie – Kleine Fische wurde von Kritikern (was angesichts der Zielgruppe verwunderlich klingen mag) oft vorgeworfen, er sei zu oberflächlich. Gleiches ließe sich auch für die musikalische Adaption von Car Wash sagen: Wer – wie vermutlich die meisten Zuschauer des Films Große Haie – Kleine Fische – bisher nur die Aguilera/Elliott-Version kennt, findet in der Originalversion ein wesentlich tieferes und gelungeneres Stück Musik(geschichte) vor.

 

Timo Poensgen

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Timo Poensgen

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