Pink Floyd – A Saucerful of Secrets

A Saucerful of Secrets ist das zweite Album der britischen Rockband Pink Floyd. Aufgenommen in den Abbey Road Studios von EMI in London von Oktober 1967 bis April 1968 wurde das Album am 29. Juni 1968 veröffentlicht. Aus kommerzieller Sicht war das Album weniger erfolgreich als sein Vorgänger The Piper at the Gates of Dawn. In den britischen Charts schaffte es das Album lediglich auf Platz 9, in den USA ist es bis heute das einzige Pink-Floyd-Album, das die Charts nie erreichte.

Syd Barrett geht – David Gilmour kommt

In die Entstehungszeit des Albums fiel die starke Zunahme der psychischen Probleme von Bandgründer, Leadgitarrist und Sänger Syd Barrett. Besonders deutlich wurde dies bei den letzten mit Barrett eingespielten und von diesem komponierten Songs „Scream Thy Last Scream“ und „Vegetable Man“, die die Band als ungeeignet für das Album einstufte und die bis heute unveröffentlicht sind. Da Barrett immer unzuverlässiger und unberechenbarer wurde, beschlossen die restlichen Musiker, einen zweiten Gitarristen in die Band zu holen. Die Wahl fiel zunächst auf den seinerzeit hochgerühmten Jeff Beck, dessen Engagement sich jedoch als zu kostspielig herausstellte. Daraufhin wurde David Gilmour angefragt. Gilmour, ein alter Freund der Band und insbesondere von Barrett, trat während der laufenden Aufnahmen zu A Saucerful of Secrets im Januar 1968 zuerst als Unterstützung, später als Ersatz Barretts bei.
In späteren Interviews erinnerten sich die Bandmitglieder daran, dass man sich anfangs nicht von Barrett trennen wollte. Zunächst war geplant, mit fünf Musikern weiterzumachen. In Situationen, in denen Barrett offensichtlich nicht in der Verfassung war, ein Konzert zu spielen oder eine Aufnahme zu machen, habe man ihn jedoch vorsichtshalber zu Hause gelassen. Irgendwann sei die Band von vorneherein ohne Barrett zu Auftritten gefahren, was die Unhaltbarkeit der gesamten Situation mit der Zeit für alle offensichtlich werden ließ. Die letzten Aufnahmen zu A Saucerful of Secrets wurden daher komplett mit Gilmour eingespielt. Offiziell wurde am 06. April 1968 die Trennung Pink Floyds von Syd Barrett bekannt gegeben.

Ein Sammelsurium?

A Saucerful of Secrets zeigt die Band nach dem tragischen Ausscheiden von Syd Barrett in einer sehr schwierigen Umbruchphase. Sie hatte ihren wichtigsten Songwriter verloren, und die anderen Musiker sahen sich nun gezwungen, ihre jeweiligen Fähigkeiten stärker ins Bandkonzept einzubringen. Darin liegt wohl auch begründet, dass sich das Werk wie ein Sammelsurium unterschiedlichster Ideen und Stile anhört, deutlich beeinflusst vom psychedelischen Zeitgeist, dennoch auch noch anderen, älteren Traditionen verpflichtet.

„Let There Be More Light” und „Set The Controls For The Heart Of The Sun” sind düstere Psychedelic-Songs englischer Prägung, durchsetzt mit fernöstlichen Einflüssen und einem gehörigen Schuss Modern Jazz und Freestyle. Sie sind gleichsam Musik gewordene Statements der Band hinsichtlich ihrer ureigenen Position im Umfeld des Psychedelic-Rock, der sich bevorzugt surrealen Träumen in Richtung Weltraum zuwendet. Diese Richtung hatte die Band bereits mit „Interstellar Overdrive” und „Astronomy Dominé” aus dem Vorgänger-Album eingeschlagen, Stücke, an denen auch Barrett maßgeblich beteiligt war.

Pink Floyd - by Storm Thorgerson
Pink Floyd – by Storm Thorgerson

A Saucerful Of Secrets übernimmt nun diese Elemente gleichsam programmatisch, indem die Band ein Instrumental mit Überlänge einspielte, das kaum mehr irgendwelchen Vorgaben des Mainstream oder gewohnten melodischen Ansprüchen gehorchen wollte. Die Unterteilung in mehrere Parts lässt eine geheimnisvolle weltentrückte Story vermuten, über die der Hörer allerdings keinen genaueren Aufschluss erhält. Vielleicht mag man hinter der epischen Musik etwas wie einen interstellaren Krieg vermuten, aus dem die Versöhnung als Sieger hervorgeht. Jeder Hörer soll hier seine individuelle Fantasie spielen lassen. Ob ich nun als Teenager möglicherweise die Entführung in einem Raumschiff erlebe und dabei zum Kern meines eigenen Wesens finde, das spielt eher eine nachgeordnete Rolle, denn die Floyds entführen ihre Hörer, gleichgültig wohin, nur das zählt!

Die Mischung macht’s

„Remember A Day” und „See Saw” sind Songs von Rick Wright, der immer eine starke Neigung zu Mainstream-Jazz hatte. So zählte etwa der legendäre Cole Porter zu seinen Vorbildern als Komponist. Während „Remember A Day” mit seinen wabernden Soundeffekten, unwirklichen Sphärenklängen und verfremdeter Gitarre gut in die neue Zeit passt, wirkt „See Saw” mit seiner orchestralen Orientierung eher wenig modern und fast schon antiquiert wie die typische Radiomusik jener Zeit. Als kommerzieller Kontrastpunkt zum Rest des Albums kommt dem Song aber eine wichtige Rolle zu. Denn wie die Beatles in ihrer Endphase zeigt sich die Band hier als Kenner unterschiedlichster Popmusik-Stile und stellt damit klar, dass sie die englische Fortschreibung der Rockmusik voranbringen will.

„Corporal Clegg” wirkt dagegen eher wie ein (schlechter) Scherz, sowohl musikalisch als auch auf Textebende. Roger Waters lässt sich schon hier – mehr als zehn Jahre vor dem Erscheinen von The Wall – über einen Möchtegern-Kriegshelden aus, der von der Queen träumt und seinen Kriegsorden im Zoo gefunden hat – insgesamt der eher nur mäßig gelungene Versuch einer Satire im Psychedelic-Stil.

Den Abschluss bildet ein Song, den die Band noch zusammen mit Syd Barrett aufgenommen hat und der deutlich dessen Stempel trägt: „Jugband Blues”. Noch konsequenter als in früheren seiner Songs bricht Barrett hier mitten in einer Song-Struktur ab und wendet sich unvermittelt einer neuen zu. Seine wechselnden Stimmungen weiten sich zu einer Obsession aus, über die er keine Kontrolle mehr zu haben scheint. Man darf jedoch annehmen, dass er ganz genau wusste, was er tat. Vom rätselhaften Text bis hin zum aberwitzigen Einsatz einer Blaskapelle wirkt alles wie ein bis ins Detail durchdachter Aufschrei aus dem Gefängnis seiner psychischen Erkrankung. Es ist erschreckend, wie deutlich Syd seine eigene Position in der Band und seinen völligen Kontrollverlust vor Augen hatte: “It’s awfully considerate of you to think of me here / And I’m much obliged to you for making it clear that I’m not here.” Mit diesem Lied stellte er schon vor der danach tatsächlich eintretenden Katastrophe klar, dass es keinen Sinn mehr haben würde, ihn mental retten zu wollen. “And what exactly is a dream / and what exactly is a joke” sind seine letzten verzweifelten Worte bei Pink Floyd. Sie klingen wie ein Bekenntnis zu der Platte und zu seinem eigenen emotionalen Zustand. Traum und Scherz vereinigen sich zu einem untrennbaren Schritt und leiten das Verschwinden in der Weite des Alls ein. Am Ende bleibt nur die Frage: Wo wird das enden?
Wir wissen inzwischen, wohin es geführt hat: zurück in die Wirklichkeit!

Maßstäbe neu definiert

Atmosphärisch dichte Klangwolken umhüllen filigrane kleine Melodien, endlos lange Soundcollagen wechseln mit munterem, blues-angehauchten Beat. Die Mischung von Abwechslung mit Wiederholung wird zur eigenständigen Kunstform. Man kann vieles gegen dieses Album einwenden, nur Langeweile wird man ihm an keiner Stelle vorwerfen können. Stücke wie der Titelsong oder das magische „Set the Controls for the Heart of the Sun” sind kaum mit Worten zu beschreiben: Mitwippen oder pfeifen kann man bei diesen überwältigenden Soundcollagen nur schwer, man kann jedoch ganz und gar eintauchen in sie, sie in sich aufnehmen – und staunen.

Um die seinerzeit bahnbrechende Wirkung dieser LP nachempfinden zu können, muss man bedenken, dass Mitte der Sechziger auf den Pop-LP’s üblicherweise 10 bis 14 Songs zu finden waren, die kaum länger als drei Minuten dauerten und die nach dem simplen Struktur-Prinzip Strophe – Refrain – Strophe – Refrain – Strophe – Refrain gestrickt waren. Aus der Not heraus (Syd Barretts Ausstieg) entstand das erste elektronisch-psychedelische Rock-Album der Musik-Geschichte, das seinen Ursprung in der damals ganz aktuellen und angesagten Minimal-Art hatte. Einprägsame und kurze Melodielinien werden in zahlreichen Variationen mit nur ganz wenigen Veränderungen schier endlos wiederholt – und dieses Verfahren verursachte einen hypnotisierend-berauschenden Effekt. Weniger die Komposition, eher das Arrangement ist schlichtweg genial – traditionelle Song-Muster wurden durchbrochen und zu einem detailreichen und fein durchgestalteten Klangfluss verdichtet. Man kann vielleicht sagen, dass mit A Saucerful of Secrets die Pop-Musik beginnt, sich von der reinen Hitproduktion hin zu einer ernstzunehmenden eigenen Musikrichtung neben der klassischen Musik zu entwickeln.

Pink Floyd haben mit diesem Album Maßstäbe für das Genre des Psychedelic-Rock geprägt und schufen einen Meilenstein der Rockmusik.
Durch das besondere Remastering dieser Platte von James Guthrie, Joel Plante und Bernie Grundman sind unerwünschte Störgeräusche und Rauschen entfernt oder zumindest minimiert worden. Doch das Gefühl und die Botschaft dieser Platte bleibt erhalten, was diese überarbeitete Version zu einem richtigen “Must Have” für Pink Floyd Fans macht.

Jonas Cremer

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