Dave Eggers – Eure Väter, wo sind sie?

Dave Eggers hatte es nicht leicht. Nach dem Roman Der Circle, der unter anderem in Deutschland die Bestsellerlisten im Flug eroberte und es ebenso rapide zur starbesetzten Hollywood-Verfilmung brachte, gab es sicherlich einen gewissen Erwartungsdruck an die nächste Literaturveröffentlichung des Autors. Diesem Druck setzte Eggers mit Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? ein knapp 200 Seiten starkes Buch entgegen, das sich – in dieser Hinsicht an Der Circle anknüpfend – in Gesellschaftskritik versucht. Auch wenn diese Schöpfung den Erfolg von Der Circle nicht in den Schatten stellen kann – in eine filmische Form à la Der Gott des Gemetzels ließe sich Eggers neuer Roman jedenfalls bringen.

Zwischen Roman und Kammerspiel

Die Geschehnisse des Romans lassen sich recht knapp resümieren: Ein junger Amerikaner entführt angesichts einer Sinnkrise Menschen, um ihnen auf einem stillgelegten Militärgelände Fragen zu stellen. Der Terminus Handlung ist dafür in etwa so passend wie der Terminus Roman für das Werk selbst: Man könnte Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? wohl auch als Kammerspiel in Romanverkleidung bezeichnen. Die Tatsache, dass sich der Roman auf die Dialogform beschränkt, trägt dazu ebenso bei wie die minimalistische Umgebung des stillgelegten Militärstützpunkts Fort Ord an der kalifornischen Pazifikküste, die in den Äußerungen der wenigen Figuren erfahrbar wird. Die Dialoge zwischen den sieben peu à peu Entführten und ihrem Entführer kreisen jeweils um ihr eigenes Thema und gewinnen nur langsam an Zusammenhang.

Dieser Versuch eines Gattungshybriden ist insofern interessant, dass er sich als Gegenpol zu einer Beobachtung aus dem Roman deuten lässt, die ausgerechnet von der moralisch streitbarsten Figur hervorgebracht wird. Diese Figur konstatiert mit Hinblick auf ihre eigene Biographie, dass „der Blick für die Zwischentöne“, also für das „Grau“ in der Welt verloren gegangen ist. Mit einem Text irgendwo zwischen Roman und Drama bewegt sich Eggers zumindest auf Ebene der Form im Reich der Zwischentöne und sorgt für ein wenig Grau.

Die Entführten: Ein Querschnitt durch eine kaputte Gesellschaft?

Einige Themen des Romans lassen sich mit Blick auf die entführten Personen gut überschauen: Der entführte Astronaut ist Stellvertreter einer jungen, zielstrebigen und zunächst erfolgreichen Generation, die vor dem Nichts steht, nachdem ihr die Ziele genommen werden – so sieht es zumindest der Kidnapper Thomas, der nicht nur hier seine eigene Krise auf Andere projiziert. Thomas ehemaliger Lehrer Mr. Hansen, der aufgrund seiner Pädophilie und grenzwertigen „Mathe-Partys“ mit jungen Schülern von seiner Tätigkeit im Schuldienst zurücktreten musste, dient nicht zuletzt der Problematisierung in der Frage nach den Zwischentönen. Relativ holzschnittartig verkörpern die anderen Entführten gesellschaftliche Fragestellungen: Neben dem Astronauten und dem Lehrer werden eine Angestellte eines Krankenhauses (Frage nach Verantwortung und Mittäterschaft), ein Cop (Polizeigewalt) und eine attraktive Frau (unerwiderte Zuneigung) auf das Armeegelände gebracht. Spätestens mit der Entführung der eigenen Mutter (Vernachlässigung in der Kindheit, Determinismus) erhält aber auch der Humor Einzug in Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?.

Überraschend ist lediglich die Darstellung eines entführten Kongressabgeordneten. Bei diesem handelt es sich um einen Kriegsveteranen, der nach eigener Aussage lediglich den Weg in die Politik auf sich genommen hat, um zu verhindern, dass junge Menschen Zugang zu Waffen bekommen – er selbst habe zwei seiner Gliedmaßen nämlich nicht im Kampfeinsatz verloren, sondern als ein Neunzehnjähriger im Lager mit einer Handgranate herumspielte.

Ungeachtet dessen, ob er seinem leichtgläubigen Entführer Thomas hier die Wahrheit auftischt, weicht der Kongressabgeordnete deutlich von dem Prototypen eines machtbesessenen, verlogenen Politikers ab. Im Gegensatz zu den meisten anderen Figuren des Romans lässt sich seitens des Abgeordneten ein Ansatz von aufrichtiger Empathie erkennen. Das ist gerade in Zeiten des Misstrauens gegen den Berufsstand der Politiker erstaunlich. Bedenkt man etwa die jüngsten Erfolge der AfD oder Donald Trumps im Vorwahlkampf der Republikaner, die zu nicht unerheblichen Teilen dem schlechten Standing des Politik-Establishments geschuldet sind, ist es bemerkenswert, dass in Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? gerade nicht die Politik für alle Missstände zur Rechenschaft gezogen wird.

Dass der Roman insgesamt an vielen Stellen dennoch so holzschnittartig wirkt, mag daran liegen, dass diese sieben Menschen nur im Kontext ihrer jeweiligen Rollen betrachtet werden und ihnen als Personen wenig Tiefe verliehen wird. Gerade durch diese eindimensionale Darstellung fehlt es dem Roman daher oft an Leichtigkeit.

Fragen, die keine sind

Wirklich über seine Rolle hinaus wird nur der Entführer Thomas erfahrbar. Sein Lebensweg ist der eines Verlierers und in diesem Lebensweg treffen die Themen des Romans aufeinander. Dass sein Lebensweg wiederum vor allem aus einer Lebenskrise besteht, ist letztendlich der Auslöser für die Geschehnisse des Romans. Es wird ziemlich schnell ersichtlich, dass sein Anliegen nicht das Überwinden, sondern vielmehr das Ergründen dieser Krise ist. Seine Fragen an die Entführten dienen nicht zuletzt der Selbstreflexion, demnach sind die Antworten für ihn oft vorhersehbar oder irrelevant. Denn die Forderung, die letztendlich hinter dem Handeln des augenscheinlich psychisch kranken Entführer Thomas steht, ist die nach einer sinnstiftenden Lebensaufgabe, einem Ziel, das seinem Leben (und dem seiner Generation) gegeben werden soll. Dieses Ziel erkennt er nach und nach in den Entführungen und der Befragung der Entführten selbst – Ergründen und Überwinden der Lebenskrise scheinen Hand in Hand zu gehen.

Fazit

Wenngleich der Roman hie und da relativ nah an stereotyper Gesellschaftskritik verbleibt und die Zusammenführung gesellschaftlicher Probleme anhand der Biographie der Hauptfigur teilweise etwas holprig wirkt, gelingt es Dave Eggers, ein düsteres Porträt einer haltlosen Generation zu zeichnen, die keine Antwort auf die Unzulänglichkeiten ihrer Realität weiß.

Dave Eggers: Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015. Gebundene Ausgabe. 224 Seiten, 18,99 Euro.

Timo Poensgen

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