Das Wort zum Sonntag – Charts

Zahlreiche Musikfans, ganz besonders im Pop-Bereich richten ihr Musikhör-Verhalten schon seit langem nach den Charts. Ob Single-, Alben- oder Genrecharts, ob national oder international, ob wöchentliche oder Jahrescharts – die Kategorien sind vielseitig. Viele sind hierzulande mit den Billboard 200 vertraut, den Charts der USA, hier in Deutschland  werden die offiziellen Charts im Radio oder im Fernsehen auf MTV oder VIVA vorgestellt. Sie sind nicht nur ein unglaublich wichtiger Faktor um Musik zu bewerben, sie sind auch mit finanziellen Gewinnen für die Künstler und Labels verbunden – denn eine hohe Chartplatzierung sorgt auch im Umkehrschluss für mehr Bekanntheit, die wiederum zu höheren Verkaufszahlen führt, außerdem werden aufgrund von Chartplatzierungen auch Preise verliehen.

 

Wer ist verantwortlich?
Ermittelt werden die deutschen Charts von dem Marktforschungsunternehmen GfK Entertainment, welche unter anderem auch in Österreich und der Schweiz aktiv ist. Die Daten werden elektronisch vermittelt und von Handelsketten wie Media Markt oder Saturn direkt an das Unternehmen geschickt, ebenso wie die Daten von diversen Online-Händlern. Erst kürzlich wurde bekannt gegeben, dass die GfK Entertainment zukünftig auch in Frankreich, Belgien und den Niederlanden die offiziellen Charts ermitteln werde. Auftraggeber für die Charts ist der Bundesverband Musikindustrie, der in Deutschland die Interessen der Musikindustrie vertritt und sich unter anderem für den Echo verantwortlich zeichnet.

 

Berechnung
Doch wie werden die Charts eigentlich festgelegt? Eigentlich eine dumme Frage, möchte man meinen – die richten sich doch nach Verkäufen! Ob CD oder Download, jeder Verkauf wird einberechnet und wer am meisten verkauft, hat am Ende die höchste Chartplatzierung. Falsch gedacht. Nicht die Anzahl der verkauften Tonträger oder Downloads zählt, sondern der gemachte Umsatz. Das heißt: Wenn ein Album von Newcomer A, welches 10€ kostet, 100 Mal verkauft wird steht es auf der gleichen Stufe wie das Album von Künstler B, welches 50 Mal für 20€ verkauft wurde. Und wenn dann das Label von Künstler C daherkommt und – ihr könnt es euch wohl schon denken – eine Super-Deluxe Premium Box für 50€ auf den Markt schmeißt, muss diese nur 20 Mal verkauft werden um mit den anderen beiden mitzuhalten. Bei 50€ ist dann allerdings auch eine Grenze gesetzt, die für sämtliche Produkte gilt – liegt der Kaufpreis darüber, werden nur 50€ in die Charts mit einberechnet. Diese Grenze existiert um durch wenige unverhältnismäßig teure Angebote die Repräsentativität nicht einzubüßen – warum diese Grenze allerdings erst bei einem so hohen Betrag angesetzt ist, ist nicht erklärt. Wichtig zu nennen ist auch der allgemeine Grundsatz, dass der Wert der Beigaben (also Goodies wie Shirts, Sticker, etc.) nicht den Wert des musikalischen Hauptproduktes überschreiten darf. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass die meisten Boxen im Vorverkauf nur um die 40€ kosten, anstatt den vollen Rahmen von 50€ auszunutzen. Apropos Vorverkauf: komischerweise lässt sich in der Systembeschreibung der Charts keinerlei Information dazu finden, inwiefern Vorverkäufe in die Berechnung der Chartplatzierung nach Veröffentlichung einfließen – der gesunde Menschenverstand lässt einen hier aber natürlich annehmen, dass sämtliche Vorverkäufe zu den Verkäufen der ersten Woche addiert werden, was dazu führt, dass Neueinsteiger so häufig auf dem ersten Platz der Charts landen – besonders, wenn mal wieder Special Editions angeboten wurden…

Seit einiger Zeit werden auch Commercial Downloads und Streams in die Top 100 integriert. Grundsatz ist hierbei, dass die Nutzung mit der von physischen Datenträgern vergleichbar ist. Im Klartext heißt das, dass nur Streams einberechnet werden für die der Nutzer bezahlt, also wenn er von einem Premium-Konto hört. Eine Ausnahme wird hier für die Streaming-Charts gemacht, in denen sämtliche Streams beachtet werden, auch von kostenfreien Konten. Zudem werden Lieder in Radio-Playlists nicht gezählt, da die darin enthaltenen Lieder nicht gezielt gehört werden, sondern durch einen Algorithmus oder eine fremde Person festgelegt wurden. Streaming-Charts von Alben werden dabei auch ein wenig alternativ berechnet: es zählen insgesamt nur die 12 meistgespielten Lieder des Albums (oder der Compilation), wobei mindestens sechs Lieder vom einzelnen User gehört werden müssen, damit das Album als gehört gilt. Die beiden meistgehörten Tracks werden jedoch komplett aus der Wertung genommen, mit der Begründung, dass sie bereits einen großen Einfluss auf die Single-Charts haben. Stattdessen wird zu den restlichen zehn Liedern noch zwei Mal ihr Durchschnittswert (Summe Lied 3-12, geteilt durch zehn) draufgerechnet.

Wahrscheinlich fragt ihr euch jetzt, wie der Wert eines Streams berechnet wird, wenn der Wert von CDs so sehr schwanken kann. Hier ist eine gute Lösung gefunden worden, denn Streams zählen alle gleich. Ihr Wert wird durch folgende Gleichung berechnet:

( Anzahl der Premium-Accounts * Durchschnittlicher Wert eines Premium-Abos ) / Anzahl der durch Premium-Nutzer getätigten Streams

Daraus ergeben sich dann geringfügige Beträge, die aber immerhin für alle gleich sind und alle sechs Monate neu berechnet und angeglichen werden.

 

Folgen
Es gibt natürlich viele Folgen, die eine Charterhebung auf die Musikindustrie und weiterführend auf den Verbraucher hat. Zum Beispiel die Veröffentlichungen von neuen Alben oder Singles: diese findet ausnahmslos freitags statt, an dem Tag an dem die wöchentliche Charterhebung beginnt. Das ist sogar international so, genau wie man es aus der Filmbranche kennt, dass Filme donnerstags in den Kinos anlaufen. Es ist einfach mittlerweile eine eingespielte Sache und dass das alles an den Charts liegt ist zumindest für die Fans eher unwichtig oder gar belanglos.

Lässt man die recht aktuell eingeführten Streaming-Charts außer Acht, fällt auf, dass die Berechnung der deutschen Charts nicht wirklich gerecht läuft. Was aus den von der GfK Entertainment festgelegten Richtlinien resultiert, ist natürlich die offensichtliche Übervorteilung bereits etablierter Künstler, beziehungsweise von Künstlern, die durch große Labels repräsentiert werden, die sich mit Premium-Boxen schon im Vorverkauf eine sichere Chartplatzierung sichern können – aber hört es dort schon auf? Chartplatzierungen führen nicht nur (wie bereits erwähnt) zu erhöhtem Radioplay und mehr Verkäufen, auch Preise und Auszeichnungen berufen sich bei Verleihungen auf Verkaufszahlen. So richtet sich zum Beispiel der Echo in Deutschland nach den Charts der GfK Entertainment. Dass dieser längst kein seriöser Preis mehr ist, hat uns spätestens die diesjährige Verleihung klargemacht: die Kritik war allgegenwärtig, doch am deutschen Chartsystem wird sie nur selten laut, besonders weil Leute sich nicht mit der Berechnung auskennen oder sich generell nie mit ihr beschäftigt haben.

 

Fazit
Auch wenn man als Fan weiterhin die schöne Box seines Lieblingskünstlers vorbestellen will um ein signiertes Poster o.Ä. zu bekommen, sollte man sich dennoch klar machen, wieso es diese überhaupt gibt. Besonders Musikfans, die auf der Suche nach neuen Künstlern häufig auf die Top 100 gucken, sollten darüber Bescheid wissen, wie diese zustande kommen – und sich gegebenenfalls nach einer Alternative umsehen.

 

Weitere Informationen
http://www.musikindustrie.de/charts_system/
http://www.gfk-entertainment.com/
www.offiziellecharts.de

Alexander Mann

About author

Alexander Mann

Alexander, 21, Student.
Indie, -pop, -rock, -tronic, -folk usw.
Außerdem gerne vieles weiteres von Hip-Hop bis Metal.

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