Let’s Eat Grandma: Neuer Song “Eat Shiitake Mushrooms”

Let’s Eat Grandma machen ihrer Affinität zur Nahrungsaufnahme Luft und haben mit „Eat Shiitake Mushrooms“ ihren dritten Song veröffentlicht. Schade, dass der mit dem Single-Debüt Anfang des Jahres nicht mithalten kann.

Für die Songs von Let’s Eat Grandma braucht man Zeit. Nicht nur, um sich an den experimentellen Popsound aus Norwich zu gewöhnen, sondern auch, weil Rosa und Jenny die üblichen dreieinhalb Minuten nicht ausreichen, um sich auf dem Markt der musikalischen Möglichkeiten zu bedienen. „Deep Six Textbook“, die erste und noch taufrische Single des Duos, ist da zum Beispiel so ein Fall gewesen. Begleitet von düsteren Pop-Klängen und minimalistischen Drums singen Rosa und Jenny fast sechs Minuten lang von Katzenaugen, Seeigeln, Trips an die Ostküste und selbstredend von der Sache mit der Großmutter. Let’s Eat Grandma hält sich nicht an konventionelle Popmusik-Inhalte, in denen Herzen gebrochen und mithilfe von schnulzigen Texten gekittet werden müssen. Zwischen den auf den ersten Blick willkürlichen Aneinanderreihungen von Worten steckt dann aber doch jede Menge Gefühl und auch an den essentiellen Fragen des Lebens wird kurz gekratzt, aber das ist eigentlich auch egal. Was ankommen soll und es auch tut, ist der starke atmosphärische Klang, der den zweistimmigen Gesang umwabert.

Die zweite Single „Sink“ kommt wiederum sehr viel poppiger und textlastiger daher. Hatte man zuvor den Eindruck, dass Rosa und Jenny irgendwo auf der Metaebene unterwegs sind und ganz genau wissen was sie tun, verflüchtigt sich dieser während des Hörens von „Sink“ und macht Platz für einen leisen Anflug von Zweifel. Geben sich Let’s Eat Grandma am Ende etwa doch mit gewöhnlichem, eingängigen Pop zufrieden? Die Sängerinnen geben nach knapp drei Minuten zu, „I just wanted to say that I just didn’t know what to say”, ein Satz, der uns alle in den großen und erschütternden Momenten des Lebens und in diesem Fall unter dreißigfacher Wiederholung bis zum etwas anstrengenden Ende des Tracks begleitet. Trotzdem alles in allem ein akzeptabler Popsong.

Let’s Eat Grandma – Deep Six Textbook from PIASGermany on Vimeo.

„Sink“ und „Deep Six Textbook“ könnten unterschiedlicher nicht sein und bieten daher auch keinerlei Prognosefähigkeit mit Hinblick auf das im Juni erscheinende Debüt-Album mit dem sehr passenden Titel I, Gemini, wenn man die verblüffende Ähnlichkeit der beiden Sängerinnen bedenkt. Die erste Single-Auskopplung, um die es hier eigentlich gehen soll, trägt den lapidaren Titel „Eat Shiitake Mushrooms“. Im Vergleich zu seinen beiden Vorgängern handelt es sich dabei über einen überwiegend elektronischen Song, der mit minimalistischen Xylophonklängen beginnt und dann sehr, sehr langsam Fahrt aufnimmt. Mit einfachsten Elementen wird hier in den ersten Minuten ein packender Sound aufgebaut, der die Hörerschaft zufrieden vor sich hin nicken lässt. So weit so gut. Würde das Lied an dieser Stelle enden, könnte man für den Song durchaus langfristig die auditiven Pforten öffnen und ihn hereinwinken.

Nach ungefähr drei Minuten setzen dann die Vocals ein – und eben hierin liegt diesmal leider die Krux. Während der Refrain noch Mitsingpotenzial birgt und auch die unbekümmerten Zeilen zwischendurch Spaß machen, folgt ein zerstörerischer „Rap“-Part, der kurzfristig die Gesichtszüge entgleisen lässt. Man fürchtet, Rebecca Black oder ein äquivalenter US-Teen-Star habe sich ins Studio geschlichen und Rosa und Jenny das Mikro entrissen. Sind die Paar Sekunden ausgestanden, kriegt „Eat Shiitake Mushrooms“ glücklicherweise noch die Kurve und rettet sich in sichere und angenehmere Pop-Gefilde. Insgesamt ist die erste Single-Auskopplung ein merkwürdiges Zwitterwesen aus musikalischer Bereicherung und Entgleisung in einem gerade noch erträglichen Verhältnis von 2:1 und lässt Hörerinnen und Hörer recht ratlos zurück.

Dennoch hat I, Gemini im Juni eine Chance verdient – einer der Gründe dafür ist „Deep Six Textbook“ und die Hoffnung darauf, dass sich auf dem Album mehr davon finden lässt. Bemerkenswert ist übrigens, dass Rosa und Jenny gerade einmal 16 und 17 Jahre auf dem Buckel haben und somit erst am Anfang ihrer musikalischen Entwicklung stehen. Let’s Eat Grandma sollte man vorsichtshalber Mal im Auge behalten und im Juni noch einmal reinhören oder sich gleich heute Abend ein eigenes Bild im Maze Club in Berlin machen. Vielleicht wird ja live auf den Rap-Part verzichtet.

Tourdaten:

26.04.2016 – Berlin, Maze Club

Homepage: http://letseatgrandma.co.uk/
Facebook: https://www.facebook.com/thelegofgrandma/

Foto: [PIAS] Cooperative

Hannah Ruediger

About author

Hannah Ruediger

Studentin. Verrückt nach Foals. Außerdem Indie, Alternative, Dream Pop, Psychedelic Rock, Punkrock, Folk, Post-Punk, Afrobeats.

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