Das Wort zum Sonntag – Streaming

Letzte Woche haben wir uns an dieser Stelle über das Vinyl ausgelassen. Heute soll als Kontrast zum physischen Tonträger aus Polyvinylchlorid ein noch viel größerer Trend unserer Zeit unter die Lupe genommen werden: Das Streaming.

Grundsätzlich ist wahrscheinlich jeder Internetnutzer, d.h. eigentlich jeder, schon einmal mit Streaming Diensten in Kontakt gekommen. Dabei ist die Auswahl der Anbieter mittlerweile fast grenzenlos – sowohl für Filme als auch für Musik. Dabei konkurrieren vor allem im visuellen Bereich die legalen mit den illegalen Anbietern – Netflix vs. Kinox.to. Doch wir wollen die zahlreichen Filmanbieter mal in den Hintergrund stellen und uns vor allem mit Spotify, Deezer und Co. beschäftigen.

Die Fakten

Kurz gesagt: Musikstreaming boomt. Zwar wird der Markt immer noch von der CD mit einem Umsatzanteil von 66,4 % beherrscht, doch der Streaming Anteil ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. 2014 betrug der Anteil von digitalen Medien am gesamten Musikverkauf ca. 25,1 %. Es wurden 16,9 Prozent als Downloads verzeichnet, die restlichen 8,2 % werden dem Streaming zugeordnet. Klingt erstmal nicht nach sonderlich viel, es sollte hier jedoch auch beachtet werden, dass es um Umsatzanteile am Musikverkauf geht.

Jedoch stagnieren die Downloadzahlen in den letzten Jahren, beim Streaming sieht das etwas anders aus. Alleine im Jahr 2014 ist der Anteil an Umsätzen aus dem Streaming Geschäft um 78,6 in die Höhe geschossen, Zahlen für das Jahr 2015 sind noch nicht bekannt. Eine ähnliche Entwicklung ist jedoch zu erwarten.

(Quelle: Bundesverband Musikindustrie, alle Angaben beziehen sich auf das Jahr 2014)

Warum Streaming?

So viel zu den Fakten. Doch warum genau ist Streaming in den letzten Jahren so viel populärer geworden? Einige Gründe dafür sind offensichtlich.

Im häufig beschimpften digitalen Zeitalter bietet uns das Netz unendlich viele Möglichkeiten. So auch die Streaming Anbieter: Alleine die Auswahl an verschiedenen Interpreten und Künstlern ist einer der Gründe für die Popularität der Plattformen. Ebenso spielt die Verfügbarkeit für Mobilgeräte eine große Rolle. Die Zeiten, in denen der IPod als Musikabspielgerät immer dabei war, nähern sich dem Ende. Mittlerweile verfügt jeder große Anbieter über mobile Apps, wodurch nahezu jedes Smartphone zum Musikabspielgerät wird.

Auch der Preis spielt für viele eine Rolle. Für etwa 10 Euro genießt man bei fast allen Anbietern monatlich den Vorteil einer Mitgliedschaft, Spotify beispielsweise kann auch kostenlos genutzt werden, ist dann jedoch nicht mehr frei von Werbung. 10 Euro monatlich – dafür kann man sich in der Regel nicht mal eine CD kaufen. Und der Marktführer Spotify geht sogar noch hin, und bietet Studenten seinen Dienst für nur 5 Euro im Monat an. Einen Monat Musik für den Preis von einer großen Pizza Margherita.

Wo ist das Problem?

Die Vorteile des Streaming liegen auf der Hand. Billig, große Auswahl und Mobilität. Doch wo ist der Haken an der Sache?

Mit einem Umsatzanteil von 8,2 % am gesamten Musikverkauf wirkt Streaming eher wie eine Nische und nicht wie ein wichtiger Marktanteil. Doch der erste Blick täuscht. Was bei dieser Zahl nicht berücksichtigt wird, ist das Nutzungsverhalten der Plattform. Bei den 66,4 % Marktanteil der CD ist jedem klar, dass dort jede einzelne verkaufte CD mit einfließt. Anders als beim Streaming. Der Kunde kauft hier nicht ein einzelnes Produkt, sondern beliebig viele. Er bezahlt nicht 10 Euro für eine CD, sondern für beliebig viele Alben. Dementsprechend kann über die reale Anzahl an Streaming Nutzern vorerst nur spekuliert werden, so sie ist wahrscheinlich wesentlich höher, als vermutet.

Und genau da liegt das primäre Problem. Durch den extrem niedrigen Preis, und den verhältnismäßig großen Nutzen leidet vor allem eine beteiligte Gruppe am Konzept Streaming: Die Künstler. Für eine verkaufte CD bekommt ein Künstler eine feste Summe, vorher werden noch Anteile für Label, Marketing, Vertrieb und Produktion fällig. Unter dem Strich bleibt dann auch nicht mehr viel übrig, doch es bleibt etwas übrig. Beim Streaming sieht die Geschichte schon wieder ganz anders aus. Es wird nach Wiedergabezahl bezahlt. Wenn User XY beispielsweise im Monat 1000 Lieder hört, davon 900 Wiedergaben von den Foals, dann sollte theoretisch der Großteil seines Beitrags auch an diese Band fließen. Zuerst verdient jedoch die Streaming Plattform, dann kommen die Labels, das Marketing und Co. und nur ein kleiner Teil des Nutzerbeitrags wird letztendlich an den Künstler ausgeschüttet. So verdient die Band wahrscheinlich nicht mal einen Euro an User XY.

Beispiel:

Georg Barrow von Portishead äußerte sich im Laufe des letzten Jahres auf Twitter wie folgt zum Streaming:

 

 

Umgerechnet sind das weniger als 2300 Euro mit 34.000.000 Wiedergaben – das Klischee der zu viel verdienenden Musiker wird so ziemlich in Frage gestellt. Das sind ungefähr 0,007 Cent pro Wiedergabe.

Ganz nebenbei sollte man sich eventuell auch mal über die Nutzungsgewohnheiten Gedanken machen. Durch Streaming werden wir einmal mehr zum gläsernen Kunden. Das mag zwar auch seine Vorteile haben, doch die Nachteile überwiegen.

Mit einer Standard Streaming Rate von 160 kbps ist die Qualität von Spotify auch nicht unbedingt berauschend. Zwar ist in der Premiummitgliedschaft eine höhere Streaming Rate möglich, doch an die CD oder an das Vinyl kommen die Streaming Portale dank Kompression bei weitem nicht heran.

Ebenso nicht zu vergessen ist die Art und Weise, wie beim Streaming Musik gehört. Im Artikel zum Vinyl schon erwähnt: Kaum jemand geht noch hin, und hört ein Album von Anfang bis Ende durch. Die Playlists dominieren den Markt – Alben, die als Gesamtwerk funktionieren und auf die Beziehungen der Songs untereinander angewiesen sind, werden nicht mehr wahrgenommen. Zerstört durch irgendwelche Best-of Playlisten.

Die Lösung?

Viele der großen Künstler werden durch die finanziellen Einbußen im Bereich Streaming und Download nicht bedroht. Doch wie sieht es mit unbekannteren Künstlern aus? Für die sieht die Geschichte schon wieder anders aus. Die ersten großen Künstler erlauben sich den vollständigen Ausstieg aus dem Streaming (beispielsweise Taylor Swift), doch diese Möglichkeit besitzt nicht jeder. Viele Interpreten sind vor allem in der Anfangsphase auf Streaming angewiesen, um ihre Popularität zu steigern und eine erste Masse an Menschen zu erreichen. Das dabei nichts verdient wird, ist dann erst später ein Problem.

Fest steht, dass der Trend so schnell erstmal nicht enden wird. Wenn nicht noch mehr Künstler einen Rückzug aus dem Streaming Geschäft machen, wird der Boom in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen. Nachdem im Laufe des letzten Jahres sowohl Apple als auch Amazon in den Marktzweig mit eingestiegen sind, sollte klar sein, wie groß das Potenzial ist und dementsprechend die Summe an Geld, die damit verdient werden kann.

Es liegt in der Hand der Hörer, der Fan entscheidet, ob ein Künstler überlebt. Nicht nur, in dem er seine Musik kauft, sondern vor allem in dem er Karten für Liveauftritte erwirbt und Merchandise kauft – denn damit verdienen Musiker wirklich Geld.

Fazit

Streaming birgt enorme Vorteile für den Endnutzer und ein unschlagbares Preisleistungsverhältnis. Doch die Problematik dahinter ist nur den wenigsten bewusst. Da Streaming jedoch voraussichtlich in den nächsten Jahren noch an Marktanteil zulegen wird, wird auch die damit verbundene Problematik immer größer werden. Künstler werden zum Mietobjekt, vor Kauf der Ware wird erstmal eine Fleischbeschau durchgeführt. Dieser Gedanke klingt erschreckend, ist jedoch heute schon perverse Realität. Der ganz nebenbei an Konsumgeilheit nur schwer zu übertreffen ist.

Es liegt in der Hand jedes einzelnen Hörers, Künstler zu unterstützen. Und somit deren Existenz zu gewährleisten. Besteht noch Hoffnung für die Menschheit?

Lars Junker

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Lars Junker

Gründer des Ahoimag. Ganz viel Indie-Kram, gerne auch mal leise, selten auch mal laut. Vinyl-verliebt, Star Wars Fan minimal süchtig nach Kaffee.

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